Divino Weinshop
KLUGE STRATEGIEN

KLUGE STRATEGIEN

Nordheim  03. Februar 2008

Genossenschaften bestimmen das Image des deutschen Weines entscheidend mit. Deren Vorsitzende nehmen die Vorbildfunktion, was die Qualität der Weine betrifft, sehr ernst und warten mit spannenden Konzepten auf. Und die Weine? Die spielen längst in der ersten Liga mit.

 

Genossenschaften bewirtschaften etwa ein Drittel der gesamten deutschen Rebfläche - somit stammt jede dritte Flasche aus einem genossenschaftlich organisierten Betrieb. Vor allem in den Anbaugebieten Baden und Württemberg liegen sie mit einem Marktanteil von 80 Prozent vorn. Wenn man sich das vor Augen hält, erkennt man schnell, welchen Einfluss Genossenschaften in der Weinwirtschaft haben. Die Herausforderung besteht darin, bei der Vielzahl an Mitgliedern oder zuliefernden Betrieben die Traubenqualität auf ein vergleichbares Niveau zu bringen. Dafür werden ausgefeilte Kontrollsysteme eingesetzt; Traubenmanagement heißt hier das Zauberwort. Das beginnt bei der Qualitätssteigerung im Weinberg und hört bei den gut ausgebildeten Kellermeistern und den modern ausgestatteten High-Tech-Kellern auf, in denen die Trauben vinifiziert werden. In den vergangenen Jahren wurde viel Geld in qualitätsfördernde Anlagen investiert, inzwischen ist der Standard überdurchschnittlich hoch. Darüber hinaus gilt es, die Interessen der Mitglieder gemeinsam zu vertreten und erfolgreich umzusetzen, um damit die Wirtschaftlichkeit der Betriebe zu garantieren.

Für Werner Seibold, Kellermeister bei den Fellbacher Weingärtnern ist es daher wichtig, dass die 150 Traubenlieferanten ausschließlich aus der Gegend von Fellbach stammen: "Unsere Leute sind alle engagiert und ziehen an einem Strang. Sie stehen hinter ihrem Produkt Wein - und dass unsere Qualitätsbemühungen enorm hoch sind, versteht sich von selbst." Motivation für die Traubenlieferanten und alle anderen Beteiligten kommt dann in Form von Medaillen und Auszeichnungen zurück, die die Weine bei Wettbewerben erhalten. Das gilt für die meisten Genossenschaften, so ging der Bundesehrenpreis 2008 für die "Beste Collection Weißwein trocken" an die Oberkircher Winzergenossenschaft in Baden, die Felsengartenkellerei im württembergischen Besigheim wurde bei der Bundesweinprämierung vom DWI für denn "besten leichten Wein" geehrt und die Weinmanufaktur Untertürkheim wurde vom Gault Millau zur höchst bewerteten Genossenschaft Württembergs ernannt und kann sich nun - ebenso wie die Kollegen aus Mayschoß an der Ahr - zur deutschen Wein-Elite zählen. Wichtig für das Image und gutes Zeichen, dass die Qualitätsbestrebungen in die richtige Richtung laufen. Bei der Winzergenossenschaft Auggen im Markgräflerland sorgt eine fünfköpfige Gruppe für Qualität in Weinberg und Keller. Die Arbeitsgruppe wurde kurz Q5 getauft, wobei jeder der fünf Verantwortlichen einen anderen Arbeitsbereich abdeckt, vom Rebschutz bis zur Analyse. "Wir wollen hochwertige Weine produzieren", fasst WG-Geschäftsführer Thomas Basler das Ziel knapp zusammen, "und das vom Basis- bis zum Premium-Segment".

Die Weine sprechen ihre eigene Sprache. Lange zeigte sich ein Problem der Genossenschaften in der Präsentation. Nach wie vor gibt es bei den Großbetrieben keinen Winzer oder Kellermeister "zum Anfassen", wo man sich am Wochenende oder Feierabend in der gemütlichen Stube mal eben im Philosophieren über den Wein üben kann. Die persönliche Bindung zum Kunden fehlt, und der kann sich im Dschungel der Weinvielfalt leicht verlieren; bei den vielen Rebsorten und Weinlinien den Überblick zu behalten ist auch wahrlich schwer. Viele Genossenschaften haben das erkannt und steuern dem entgegen. Mit Profil und guten Ideen! In Sachen Akzeptanz spielt auch die Namensgebung eine Rolle. So räumen die im Stuttgarter Stadtgebiet ansässigen Weingärtnergenossenschaften "Weinmanufaktur Untertürkheim" oder die WGs Rotenberg und Ulbach, die sich vor einiger Zeit zum Collegium Wirtemberg zusammengeschlossen haben, seit Jahren viele Preise und Medaillen bei Wettbewerben ab. Auch erinnern diese Genossenschaften - schon allein durch ihre Größe - eher an Weingüter und werden auch wie solche geführt.

Entscheidend für den Erfolg sind natürlich nicht die Größe des Betriebs, sondern der Zusammenhalt der Mitglieder und das Verständnis für das eigene Produkt. Das Gros der Weine landet im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) und im Fachhandel, viele Genossenschaften wie die Gebietswinzergenossenschaft Franken (GWF) oder die WG Nordheim unterhalten auch selbst erfolgreich gastronomische Betriebe oder Vinotheken. Moderne und einladende Verkaufsräume haben inzwischen fast alle. Auch in der gehobenen Gastronomie stellen Weine aus Kooperativen inzwischen eine feste Größe dar. Norbert Nägel, berufener Eurotoques-Chef und absolut weinaffin, liegt vor allem der fränkische Wein am Herzen. In seinen Restaurants Nägels Altes Rathaus in Herzogenaurach, dem Nägelhof in Erlangen und Schloss Atzelsberg werden seit Jahren Weine aus Genossenschaften ausgeschenkt. "Angefangen haben wir mit dem Winzerkeller Sommerach und inzwischen schwören wir auf die Divino-Linie von den Nordheimern", berichtet der Weinliebhaber. "Der Absatz ist explosionsartig nach oben gegangen, die Weine verkaufen sich wirklich gut", so Nägel und fügt hinzu: "Sie sind ja auch einfach toll gemacht." War viel Überzeugungsarbeit beim Gast nötig? "Unsere Stammkunden vertrauen uns voll und ganz, wobei am Anfang schon Erklärungsbedarf bestand. Aber schlussendlich gibt es doch ein schlagendes Argument - das Preis-Leistungsverhältnis der Weine ist genial! Und so gibt es inzwischen keine Klagen mehr."

Dass sich das Image der Genossenschaften über die Qualitäten behauptet, davon ist auch Oskar Noppenberger, Geschäftsführer von Divino Nordheim, überzeugt. Er stellt eine wachsende Nachfrage aus der Gastronomie fest: "Die Zahl der Interessenten, die sich aus unserem Premium-Segment Divino bedienen, wächst und gedeiht. Das erfüllt uns mit Freude und wir sind vor allem stolz auf die Leistung unserer Winzer und Kellermeister." Das sieht auch Karl-Josef Krötz so, der für den traditionsreichen Bremer Ratskeller seit 1989 die größte deutsche Weinkarte pflegt: "Wir haben viele Genossenschaftsweine gelistet, vor allem die kleineren, wenn sie geführt werden, wie Familienbetriebe. Ich greife oft auf Genossenschaftsweine zurück, es sagt auch keiner unserer Kunden etwas dagegen." Dazu muss man wissen, dass keine Flasche das Haus ohne das Ratskellerlogo auf dem Etikett oder einer Banderole verlässt, verschickt werden die Weine des Ratskellers in die ganze Welt. Für den Wein-Enthusiasten Karl-Josef Krötz ein großes Kriterium, das locker zu sehen: "Wir vermarkten ja immer auch die Marke ´Bremer Ratskeller´ mit und damit ein Stück Bremen. Da setzen wir vertrauensvoll die guten Qualitäten voraus." Weiteres Kriterium - und sehr wichtiges dazu - ist die Menge. "Für uns zählt vor allem, dass man bei Engpässen, wenn uns der Wein ausgeht, immer nachfragen kann", so Krötz. "Einer der Gründe, warum ich gerne auf Genossenschaftsweine zurückgreife." Ein klarer Vorteil im Vergleich zum kleinen Winzer, der bereits nach kurzer Zeit ausverkauft ist. Und so ist der Wahl-Bremer Krötz überzeugt: "Genossenschaften haben ja schon lange nichts mehr mit großen Tanks und Masse zu tun. Die Kellermeister sind gut ausgebildet, die Qualität stimmt - vor allem im Premium-Bereich."

Stefan Männle von der Winzergenossenschaft in Pfaffenweiler, die seit einiger Zeit als Pfaffenweiler Weinhaus firmiert, sagt ganz klar: "Der Trend, dass man nur VDPBetriebe auf den Weinkarten führt, ist vorbei!" Gerade im Spezialitätenbereich sind die Genossenschaften stark und das Segment wird auch weiter ausgebaut. Seit seinem Einstieg 1994 befindet sich die Pfaffenweiler Genossenschaft geradlinig auf Erfolgskurs, die Resonanzen auf die gehobenen Weinqualitäten sind ausschließlich positiv. Auch Männle weist auf das hervorragende Preis-Genuss Verhältnis hin und den Punkt, dass die Weine den Weg in die gehobene - meist örtliche - Gastronomie wie beispielsweise im Colombi in Freiburg längst gefunden haben.

Wagen wir einen weiteren Schritt aus den Anbaugebieten hinaus. Im Gourmet Restaurant Aqua im Ritz-Carlton in Wolfsburg, für das Sven Elverfeld gerade den dritten Stern erkocht hat, kümmert sich Sommelier Jürgen Giesel um die Weinkarte. Er hat die tollen Qualitäten der Kooperativen schon lange erkannt und weist darauf hin, dass viele Genossenschaften aus Liebe zum Produkt große Qualitäten produzieren und es diese nur zu finden gilt. "Wir haben zwar keine Weine von Genossenschaften auf der Weinkarte, aber hin und wieder schenken wir in unseren schwarzen Gläsern Weine von Genossenschaften aus, um unseren Gästen zu zeigen, dass die Qualitäten recht gut sein können. Wir nutzen im Aqua schwarze Gläser als Gruß vom Service-Team, wodurch unsere Gäste eine Geschmacksprobe eines Weines erleben können", so Giesel, der vor allem den Premium-Produkten und den Lagenweinen besonderes Interesse schenkt. Er weiß, wie viel in jüngster Zeit in die Weinberge und Keller investiert wurde und ist sich sicher, dass da so mancher Schatz zu finden ist: "Vor allem die kleinen Genossenschaften haben oft ein anderes Klientel und achten darauf, dass ihre Weinqualität über den normalen Anspruch hinaus geht. Deswegen sind dort auch im unteren Preissegment oft Überraschungen zu finden", so der Sommelier aus Leidenschaft.

Sein Kollege Sven Oetzel, der im Restaurant La Vie in Osnabrück für die Weinauswahl zuständig ist, hat sich ebenfalls mit dem Thema befasst: "Eigentlich sind die Weine von Winzergenossenschaften ein recht unbeschriebenes Blatt auf unserer Weinkarte, zumindest was die deutschen Anbaugebiete betrifft. In Italien arbeiten wir seit einigen Jahren sehr erfolgreich mit zwei Genossenschaften zusammen", so Oetzel, der einen weiteren Verstoß wagt. "Wenn man es genau betrachtet, sind die meisten großen Champagnerhäuser auch nichts anderes als gut geführte Genossenschaften, und diese Weine haben sich ja auch schon seit langem bei uns etabliert. Also spricht - wenn die Qualität stimmt - nicht gegen Weine aus Kooperativen in deutschen Spitzenrestaurants." Für ihn stellt das größte Problem nach wie vor die Akzeptanz beim Gast dar, aber dem kann man ja entgegenwirken.

Jürgen C. Grallath, geschäftsführender Vorstand beim Deutschen Weintor im pfälzischen Ilbesheim, wagt einen Blick in die Zukunft und ist überzeugt, dass die Klientel Gastronomie und gehobene Gastronomie in Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen wird: "Nachdem sich die Gastronomie in den vergangenen Jahren an die Genossenschaftsweine herangepirscht hat, sind die Abnahmemengen auf einem Level angelangt, welches ein gewichtiger Baustein für die strategische Planung der Genossenschaften darstellt. Qualitäten und Ausstattungen werden den Erwartungen der Gäste gerecht." Deutsche Genossenschaften sind die dominierenden Säulen unserer Weinwirtschaft, und dass Weingüter, Kellereien und Genossenschaften auch an einem gemeinsamen Strang ziehen können, wird die neu gegründete Weinwerbeorganisation "Badischer Wein GmbH" zeigen. Nach etwa eineinhalb Jahren Diskussionen, Marktforschung und Vorbereitungszeit wird das Konzept nun umgesetzt. Baden ist somit das einzige deutsche Weinbaugebiet mit einer freiwillig finanzierten Weinwerbung, an der sich alle Erzeugergruppen (VDP, VdAW, Güter und Winzergenossenschaften) beteiligen. "Ziel ist es, den badischen Wein mit seinen Vorzügen im Bewusstsein der Weinkonsumenten noch stärker zu profilieren und die Präferenz für den badischen Wein zu erhöhen sowie die Bekanntheit der wohl einzigartigen Genussregion Baden zu stärken", so Walter Nöhren von der Weinwerbezentrale badischer Winzergenossenschaften in Karlsruhe.

Lassen wir uns von den Kommunikationsstrategien überraschen. Von der Sonne verwöhnt sind sie ja inzwischen alle.

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