DIVINO - Das Magazin | N° 1/2026 Frühjahr/Sommer

[divino-hoffnung] Zu Beginn des Jahres sagen wir gerne: Hoffentlich wird es ein gutes Jahr, nicht nur für den Wein, sondern für uns persönlich. Wir beginnen das Jahr mit der Hoffnung, dass wir gesund bleiben, dass wir unsere Arbeitsstelle nicht verlieren und dass wir in unserer Familie in Frieden und Eintracht leben können. Und wir hoffen darauf, dass endlich in der Welt wieder Frieden einkehrt. Das sind konkrete Hoffnungen, die auch enttäuscht werden können. Gabriel Marcel, ein französischer Philosoph, hat 1943 ein Buch über die Philosophie der Hoffnung geschrieben. Er unterscheidet zwischen Hoffnung und Erwartung, zwischen konkreten Hoffnungen und der absoluten Hoffnung. Eltern haben oft Erwartungen an ihre Kinder und legen sie damit fest. Diese Erwartungen werden oft enttäuscht. Die absolute Hoffnung geht weiter, auch wenn meine Erwartungen enttäuscht werden. Ich hoffe, dass mein Sohn, meine Tochter, einen guten Weg findet, auch wenn der ganz anders ist, als ich mir das vorgestellt habe. Die Hoffnung legt nicht fest, sie eröffnet einen Prozess, in dem sich die Kinder entwickeln können. Die absolute Hoffnung kann nicht enttäuscht werden, weil sie nicht an konkrete Bilder und Vorstellungen gebunden ist. Auch wenn ich nicht gesund werde, bleibe ich ein hoffender Mensch. Ohne Hoffnung kann der Mensch nicht leben. Das sagen uns die Psychologen. Davon wussten schon die Lateiner, wenn sie sagen: „Dum spiro spero = solange ich atme, hoffe ich“. Die Hoffnung ist genauso wichtig wie der Atem. Die Hoffnung sieht die Wirklichkeit so wie sie ist. Aber sie hofft trotzdem, dass Verwandlung möglich ist. Wenn ich Menschen begleite, kann ich es nur in der Hoffnung, dass dieser Mensch, auch wenn er eine noch so schwierige Lebensgeschichte hat, trotzdem eine wertvolle Lebensspur in die Welt eingraben kann. Oder wie Hildegard von Bingen das ausdrückt: dass seine Wunden in Perlen verwandelt werden. Wenn wir in unsere Welt schauen, ist da ja momentan wenig Hoffnungsvolles. Doch solange wir beten, haben wir Hoffnung. Ein evangelischer Pfarrer, der mit seinen Freunden Friedensgebete veranstaltet, antwortete auf die kritische Bemerkung, das habe doch alles keinen Zweck: Solange wir beten, hoffen wir. Und wenn wir als hoffende Menschen in die Gesellschaft gehen, haben wir eine positive Ausstrahlung. Menschen, die sich ohnmächtig fühlen, werden entweder depressiv oder aggressiv. Hoffende Menschen tun der Gesellschaft gut. PATER DR. ANSELM GRÜN ABTEI MÜNSTERSCHWARZACH Anselm Grün OSB (geb. am 14. Januar 1945 im fränkischen Junkershausen als Wilhelm Grün) ist deutscher Benediktinerpater, Autor spiritueller Bücher, Referent zu spirituellen Themen, geistlicher Berater und Kursleiter für Meditation, Kontemplation und geistliches Leben. Mit rund 300 lieferbaren Titeln, die bisher in einer Gesamtauflage von über 14 Millionen Exemplaren weltweit verkauft wurden, ist Pater Anselm Grün einer der meistgelesenen deutschen Autoren der Gegenwart. Seine Bücher wurden in dreißig Sprachen übersetzt. www.anselm-gruen.de 36 Nº 1/2026·DIVINO MAGAZIN PATER ANSELMS KOLUMNE

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