DIVINO - Das Magazin | N° 1/2026 Frühjahr/Sommer

ZARTBLAUES MULTITALENT: GESUND VON DER WURZEL BIS ZUR BLÜTE Ganz sicher ist Sie Ihnen schon oft begegnet. Denn wie der Name schon sagt, ziert die Die Gemeine Wegwarte Straßen und Wege. Mit ihrem hellblau bis hellvioletten Farbton ist sie eigentlich nicht zu übersehen. Diese bescheidene Pflanze kann in allen Teilen ver- zehrt werden. Die Blätter sind in etli- chen Ländern geschätzte Bestandteile der regionalen Küche und werden als Spinatersatz oder für Füllungen verwendet. Besonders gut schmecken sie ge- dünstet. Vorteil dieser Art der Zubereitung: die bitteren Geschmacksstoffe werden teilweise abgebaut, sodass die Blätter insgesamt milder schmecken. Bitter- und Gerbstoffe machen Wegwarten-Tee (Wurzel, Blätter, Blüten) zu einem empirisch belegten, wirksamen Mittel gegen Verdauungsbeschwerden. Ob auch die Muckefuck-Trinker der Nachkriegsjahre weniger Probleme in dieser sensiblen Körperregion hatten, ist leider nicht bekannt. Und der verbor- gene Teil der Wegwarte rückte in der letzten Zeit in den Fokus der Lebensmittelindustrie: In der Wurzel ist das Koh- lenhydrat Inulin enthalten. Dieser prä- biotische Ballaststoff wird zunehmend als Fett-Ersatz für Joghurt eingesetzt. Darüber hinaus reguliert Inulin den Insulinspiegel und dient im Darm „guten“ Darmbakterien als Nahrung. Das gesundheitsfördernde Potential der Wegwarte wurde 2020 mit der Wahl zur Heilpflanze des Jahres gewürdigt. DER SONNE ENTGEGEN Die lavendelblauen Blüten der Wegwarte zeigen sich ab Juli bis in den November hinein. Und an diesen Blüten lässt sich ein besonderes Schauspiel beobachten: Am frühen Morgen öffnen sich die Blüten in östlicher Richtung und folgen dem Sonnenstand, bis sie sich am Nachmittag – nun westlich ausgerichtet, wieder schließen. Dies für immer, denn eine Blüte blüht nur einen Tag. Wenig Zeit, um die wertvollen Pollen an die Bestäuber und auf den Weg zur nächsten Wegwarte zu bringen. Daher setzt die Wegwarte auf ein reiches Pollenangebot pro Blüte. Und der XXL-Pollenvorrat zeigt Erfolg. Schwebfliegen, Hummeln und Wildbienen finden sich in großer Zahl auf den Blüten ein. Auch für Vögel ist die Wegwarte ein beliebtes Anflugziel. Zur Samenreife kann man Stieglitze beim Futtern auf den Wegwartestauden beobachten. Wer die Wegwarte im heimischen Garten oder Balkon ansiedeln möchte – etwa um Muckefuck selbst herzustellen, benötigt mageren, basenreichen Boden und einen vollsonnigen Standort. Ist ein Pflanzgefäß vorgesehen, sollte dieses möglichst hoch sein, damit die lange Wurzel ausreichend Platz findet. Im ersten Jahr bildet die zweijährige Staude eine Blattrosette aus – die mög- lichst frisch in der Küche zum Einsatz kommen sollte. Im zweiten Jahr bildet sich der Blütenstand mit den unverwechselbaren blauen Blüten. Dr. Beate Wende · Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) · An der Steige · 97209 Veitshöchheim Telefon +49 (931) 9801-574 · beate.wende@lwg.bayern.de Der Name „Wegwarte“ leitet sich von einer alten Sage ab. Die Blüten sind die sehnsuchtsvollen blauen Augen eines Burgfräuleins. Sie hält am Wegrand nach ihrem Geliebten Ausschau, der sich auf dem Kreuzzug befindet. Tee oder Kaffee Für einen Wegwarten-Tee werden 1 - 1,5 Teelöffel frische oder getrocknete und zerkleinerte Wurzelstücke mit 200 ml kochendem Wasser überbrüht und nach fünf bis sieben Minuten abgeseiht. Für die Herstellung von Muckefuck werden die Wurzeln der Wegwarte gesäubert, in Scheiben oder Stücke geschnitten und auf einem Backblech im Ofen bei 50 Grad ca. 1 bis 1,5 Stunden getrocknet. Zum Rösten der Wurzelstücke den Backofen auf 225 °C heizen (für ca. 15 Minuten). Anschließend die Stücke zu Pulver mahlen. Die weitere Zubereitung erfolgt wie beim „normalem“ Kaffee. Der Muckefuck am Straßenrand – oder: die Gemeine Wegwarte (Cichorium intybus) An dieser Stelle berichtet Dr. Beate Wende, Biologin an der Landesanstalt für Wein- und Gartenbau in Veitshöchheim, von besonderen Tieren und Pflanzen im Weinberg. In dieser Ausgabe widmet sich die Wissenschaftlerin einem überaus nützlichen Untermieter im Weinberg. FOTO: DR. BEATE WENDE Muckefuck sagt Ihnen nichts? Vielleicht eher „Mocca Faux“ – der wohlklingende französische Begriff für den „falschen Kaffee“? Bei allen Bezeichnungen ahnt man schon, dass es sich hier nicht um das klassische koffeinhaltige Getränk handelt, dass in aller Munde ist. Aber nicht jeder verträgt oder mag die anregende Wirkung von Koffein. Hier kommt der Muckefuck ins Spiel - ein Kaffeeersatz, der aufgrund des Nullgehalts an Koffein auch von Kindern getrunken werden kann. Die Stunde des Muckefuck-Kaffees schlug in den Nachkriegsjahren des Zweiten Weltkriegs, als es keinen „richtigen“ Kaffee zu kaufen gab. Jedoch wollte man auf ein morgendliches, bitter schmeckendes Heißgetränk nicht verzichten. Und so kamen anstelle der Kaffeebohnen die gerösteten Wurzeln der Gemeinen Wegwarte zu ihrem brühwarmen Rettungseinsatz des Morgenrituals. Doch dies ist nicht das einzige kulinarische Talent der Gemeinen Wegwarte, die wir Ihnen hier vorstellen möchten. FOTO: DR. BEATE WENDE DIVINO MAGAZIN·Nº 1/2026 15 LEBENSRAUM WEINBERG

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